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TERRA - Gesichter der Erde

Michael Martin

»TERRA – Gesichter der Erde« heißt das neue Projekt von Michael Martin, das im Herbst 2022 als Film, Buch und Multivision erscheinen wird. Der Münchner Fotograf und Geograph unternahm seit dem Jahre 2017 zahlreiche Reisen und Expeditionen in weltweit ausgewählte Gebiete, welche die Vielfalt der Landschaften und Lebensformen auf der Erde zeigen. Natürlich standen wieder Wüsten und Eisregionen auf dem Reiseplan, aber er porträtiert auch Regenwälder, Vulkane, Steppen und Savannen sowie den Südpazifik und das Nordpolarmeer. Michael Martin möchte mit seinen Bildern und Texten zeigen, wie faszinierend, vielfältig und verletzlich unsere Erde ist. Er macht deutlich, was für ein einzigartiger Ort die Erde im Universum ist und dass sie in der Blüte ihrer schon 4,5 Milliarden Jahre andauernden Geschichte steht. Michael Martins Blick richtet sich aber auch auf den Menschen, der seit seinem Auftauchen in der Erdgeschichte den Planeten Erde gestaltet und zunehmend zerstört.

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Schauburg Dresden

Sa. 15.10.22 – 16.00 Uhr

VVK

AK

AK erm.

Kind

Kat.

Kat.

Kat.

Kat.

C 23,00€

C 26,00€

C 23,00€

C 15,00€

B 25,00€

B 28,00€

B 25,00€

B 15,00€

A 28,00€

A 31,00€

A 28,00€

A 15,00€

Michael Martin, geboren 1963, ist Fotograf, Vortragsreferent, Abenteurer und Diplom-Geograf. Der Münchner hat sich auf Wüsten spezialisiert und in den letzten 35 Jahren über 200 Reisen in die Extremzonen der Erde unternommen. Er veröffentlichte mehrere Fernsehfilme und 30 Bücher, darunter auch das in sechs Sprachen erschienene „Die Wüsten der Erde“. Über 2000 Vorträge hat er bisher gehalten und damit weltweit ein Millionenpublikum erreicht. Herausragend sind unter anderem seine Auftritte vor der Royal Geographical Society, die ihm 2005 den Cherry Kearton Award verlieh, sowie sein Vortrag bei der UN-Klimakonferenz 2005. Auf Einladung der UN hielt er auch Vorträge in Japan und Argentinien. Auf Spiegel Online berichtet er seit 2010 regelmäßig von seinen Reisen. Seit 2004 engagiert er sich bei der UNO-Flüchtlingshilfe.

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Interview im Spiegel

SPIEGEL: Was wollen Sie mit Ihrem neuen Bildband »Terra - Gesichter der Erde« erreichen?

Martin: Das Buch feiert unsere heutige Erde, ihre Natur und die dort lebenden Menschen – es ist ein geografisches und fotografisches Porträt. Zugleich beschreibe ich auch die Erdgeschichte und die ferne Zukunft der Erde.

SPIEGEL: Und wie geht es unserem Planeten?

Martin: Wir erleben die Erde erst in den letzten 12.000 Jahre in ihrer Blüte, was Parameter wie Sauerstoffgehalt, Artenvielfalt und Temperaturen angeht. Die Warmzeit nach der letzten Eiszeit hat uns Menschen die Möglichkeit gegeben, uns auf der Erde zu verbreiten und zu entwickeln. Aber leider machen wir nichts daraus. Im Gegenteil, wir zerstören das System Erde.

SPIEGEL: Dabei sind die Menschen doch recht lange ganz gut mit ihrem Planeten umgegangen. Wann sind wir falsch abgebogen?

Martin: Die industrielle Revolution war der Startpunkt. Seitdem greifen die Menschen massiv in das System Erde ein. Inzwischen hat die Dynamik extrem zugenommen. Aber schon als der Mensch Afrika verließ und auf anderen Kontinenten auftauchte, verschwanden dort sofort Großsäugerarten. Die Tiere wurden von den Kulturen bejagt, egal ob in Australien oder Nordamerika. Der Klimawandel heute ist vielleicht das sichtbarste Anzeichen, dass wir unsere eigenen Lebensgrundlagen zerstören.

SPIEGEL: Am Ende lassen Sie die Erde untergehen in der zunehmenden Hitze der Sonne, und dann wird die Sonne zum Roten Riesen explodiert die Sonne selbst – da könnte ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit entstehen, oder?

Martin: Das ist kein Anlass für Fatalismus. Dass in 1,5 Milliarden Jahren Schluss ist mit jeglichem Leben auf der Erde, ist interessant, aber nicht relevant. Um mal die zeitlichen Dimensionen darzustellen: Wenn man die 4,5 Milliarden Jahre Erdgeschichte auf einen Tag zusammenpresst, dann ist der Mensch in den letzten vier Sekunden aufgetaucht. Es geht um heute und jetzt, um diese Generation, die nächsten Generationen. Die Menschheit hat Zeit genug, die Dinge noch zu drehen und über viele Generationen hinweg eine lebenswerte Erde zu erhalten.

SPIEGEL: Für den Haupt- und Bildteil von »Terra«, in dem Sie die zehn »Gesichter der Erde« vorstellen, haben Sie 32 Fotoreisen unternommen. Wie haben Sie die »Gesichter« – darunter den Pazifischen Feuerring, den Himalaja oder die Arktis – ausgewählt?

Martin: Es war eine exemplarische Auswahl, die als Mosaiksteinchen zusammen das fotografische Porträt der Erde andeuten. Ich wollte für dieses Buch kein Archivmaterial verwenden, sondern neue Fotos machen. Fünf der Naturlandschaften sind durch endogene Kräfte, also durch Kräfte des Erdinneren, geprägt. Bei den anderen fünf stehen exogene Kräfte wie das Klima im Vordergrund: So liegt der Unterschied zwischen Amazonas und Wüste im Grunde genommen nur im Niederschlag. Natürlich habe ich darauf geachtet, dass es fotografisch attraktive Regionen sind. Ich hätte als Beispiel für das Phänomen der Kontinentalplattenverschiebung auch die Alpen nehmen können. Aber der Himalaja war für mich interessanter.

SPIEGEL: Sie sind als Wüstenfotograf bekannt geworden – jetzt zeigen Sie Fotos aus dem Regenwald und Hochgebirge. Welches »Gesicht« hat Sie am meisten fasziniert?

Martin: Nach 250 Wüstenreisen und Reisen in die Arktis und Antarktis wollte ich neue Gebiete wie den Amazonas oder den Himalaja kennenlernen. Ich habe nur ein Leben, und ich bin so neugierig wie mit 17. Es gibt für mich noch so viele neue Gebiete – es wird nur immer aufwendiger, nicht ganz so abfotografierte Orte zu finden.

SPIEGEL: Aber im Regenwald waren Sie nicht glücklich, oder?

Martin: Das stimmt. Herausforderungen sind schön, aber ein reines Regenwaldbuch wird es von mir nicht geben. Ich fühle mich in der trockenen Wüste am wohlsten: Du schwitzt nicht, kannst abends Lagerfeuer machen und hast beim Fotografieren klare Strukturen. Im Eis ist dieses Reduzierte auch gegeben, du musst dich aber gegen Kälte und Polarbären schützen. Am Amazonas ist es noch mal unangenehmer: Moskitos, feuchte Hitze, Morast. Kein Horizontblick, ein einziges grünes Durcheinander, Dunkelheit. Zum Glück gibt es Drohnen, sonst würde man bei mir nur Bäume von unten sehen.

SPIEGEL: Ihre Liebe für Drohnenfotografie lässt sich in »Terra« deutlich erkennen. Sind Sie fasziniert von der Technik?

Martin: Ja, sie hat meiner Motivation 2017 einen Schub gebracht, so wie die Digitalfotografie vor 15 Jahren – zwei solcher Umbrüche in einem Fotografenleben sind genial. Generell hat sich bei der Drohnenfotografie keine Abnutzung eingestellt, die Vogelperspektive hat die Menschen immer schon fasziniert. Und ich zeige viele Drohnenaufnahmen, die es bisher noch nicht gab – einfach, weil ich Drohnen in viele Länder reingeschmuggelt habe, in denen sie verboten sind. Sie sind für mich eine wunderbare Ergänzung zum Anmieten von Sportflugzeugen, was oft nicht möglich ist.

SPIEGEL: Städte etwa oder europäische Regionen kommen in dem Erdporträt nicht vor. Warum nicht?

Martin: Ich habe ganz bewusst auf Infrastruktur, auf Metropolen verzichtet, weil sich das Buch mit dem Wesen der Erde beschäftigt. Ich möchte physische, geografische Zusammenhänge darstellen und zeigen, wie die Untersysteme wie Hydrosphäre, Atmosphäre, Biosphäre, Lithosphäre ineinandergreifen. Dafür benötige ich Naturlandschaften, keine Betonbauten.

SPIEGEL: Sie klammern Menschen dennoch nicht aus. Das Kapitel »Anthropozän« dreht sich auch um Migration, Urbanisierung, Armut. Im Bildteil zeigen Sie indigene Völker statt Tokios Großstadtbewohner – Völker, die vielleicht bald nicht mehr so leben?

Martin: Schon meine 40 Jahre Reisen haben gereicht, um einen Kulturwandel in vielen Ländern zu beobachten. Viele traditionelle, also indigene Völker haben heute einen ganz anderen Lebenskontext als vor einem halben Jahrhundert. Die Kleidung ist nicht mehr traditionell, die Hausbaumethoden anders, Lohnarbeit ersetzt die Subsistenzwirtschaft. Und das fotografiere ich so, wie es ist. Was ich nicht mag: wenn Fotografen wie Jimmy Nelson die Menschen anhalten, sich für Fotos umzuziehen – Lendenschurz und Speer statt T-Shirt. Das ist nicht authentisch.

SPIEGEL: Sie zeigen berührende Fotos von im Spiel verlorenen Kindern, bettelnden Mädchen, erschöpften Bäuerinnen, Minenarbeitern – dafür müssen Sie ihnen recht nah kommen?

Martin: Ja, die Bilder sollen Nähe vermitteln. Und Nähe musst du dir erarbeiten. Der alte Fotografenspruch ist schon richtig: Ein Porträt erzählt mehr vom Charakter des Fotografen als des Fotografierten. Mein Job ist es, Vertrauen aufzubauen – das können ein paar Worte sein, aber manchmal braucht es länger. Vor allem sollte man ohne Kamera und allein kommen oder maximal zu zweit als Pärchen. Fotoreisegruppen sind unsinnig, da werden Schnappschüsse mit dem Teleobjektiv geschossen und so das Vertrauen gebrochen. Du musst sachte vorgehen und auch mal lieber weniger Menschen fotografieren, aber dir für diese mehr Zeit nehmen.

SPIEGEL: Ein Beispiel?

Martin: Die Turkana-Nomaden in Nordkenia. Ich bin am Abend mit einem Mitarbeiter einer Missionsstation in Loiyangalani in das Nomadenlager gefahren und habe mich vorgestellt, er hat übersetzt. Dann habe ich gefragt, ob ich am nächsten Morgen vor Sonnenaufgang kommen und fotografieren könnte. Ja, in Ordnung, entschieden die Nomaden. Morgens bin ich bei Dunkelheit hingefahren und habe die Hirten mit ihren Rinderherden beobachtet. Hätte ich mich nicht eingeführt, hätte ich Angst und Schrecken verursacht. Und dann dauerte es nur eine halbe Stunde, bis die Sonne oben und das gute Licht schon wieder weg war.

SPIEGEL: Ihr Buch war für Herbst 2021 geplant. Hat die Coronakrise die Veröffentlichung verzögert?

Martin: Nein, das war nicht der Grund. Ich hatte wirklich sehr viel Glück. Im März 2020 waren wir in Sibirien bei den Nenzen, als wir über Satellitentelefon mitbekamen, dass ein Land nach dem anderen in den Lockdown ging. Wir sind gerade noch aus Russland herausgekommen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich von den ursprünglich geplanten 35 Reisen bereits 30 unternommen, in diesem Jahr habe ich dann das letzte Bild in Spitzbergen fotografiert. Die Zeit, in der das Reisen eingeschränkt war, habe ich für die Schreib- und Konzeptionsphase genutzt. Das hätte ich ohne Corona nicht geschafft. Es bot mir auch eine Verschnaufpause in meinem Reise- und Vortragsleben, für mich eigentlich ein Glücksfall.